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GREGOR MALVEAUXDas tausendsäumige Meer
KOSTENLOSE LESEPROBEDRUCKSEITEN 15–24

Binz empfing mich wie ein überkühlter Fisch

Binz empfing mich wie ein überkühlter Fisch: höflich, aber tot. Ich mochte es sofort.

Der Himmel hing über dem Bahnhof wie ein schlecht gelaunter Vorhang, und der Wind roch nach Salz, nassem Beton und Dingen, die schon lange aufgegeben hatten, hübsch zu sein. Auf dem Bahnsteig stand eine Handvoll Menschen, die alle so taten, als wären sie versehentlich hier gestrandet. Ich fühlte mich ihnen sofort verbunden. Vor dem Bahnhofsgebäude drängten sich die Einheimischen und die, die es nie werden wollten, zwischen Bushaltestellen und dem letzten Taxi gegenseitig auf die Straße.

Ich ging zu Fuß zum Hotel. Einerseits wollte ich nicht den Kampf ums letzte Taxi des Tages gegen Horst aus Hameln verlieren, der mit seiner Gisela und den beiden Trethupen Brutus und Claudia verzweifelt das sogenannte beste Hotel der Stadt suchte, sondern man sollte eben einen Ort erst erwandern, bevor man ihn dann kategorisch ablehnt. Auf dem

Weg dachte ich über das nach, was ich mir hergekommen war zu suchen: Ruhe und Inspiration – zwei Zustände, die sich, wie ich behaupte, gegenseitig regelmäßig in die Quere kommen. Ruhe legt sich wie eine Decke auf den Geist, Inspiration wie ein Brand. Die eine erstickt, was die andere entzündet. Wer beides will, soll Fahrrad fahren und gleichzeitig schlafen. Ich hatte es oft versucht und war jedes Mal an der Kreuzung gescheitert, an der die Stille zur Leere wird und die Idee zur Pose. Vielleicht war ich deshalb hier. Oder nur, weil ich auch nirgends anders sein wollte.

Ich war nicht zum ersten Mal auf der Insel – zumindest behauptete das die Frau im Hotel später – aber ich hatte keine Erinnerung daran. Vielleicht war ich hier als Kind, vielleicht in einem früheren Leben. Vielleicht hatte ich es verdrängt. Orte wie Binz sind ja Meister im Verdrängen: alte Villen, die so tun, als wären sie noch Kaiserzeit; Hotels, die glauben, ihre goldene Ära liege nicht hinter, sondern knapp vor ihnen; und Menschen, die sich bemühen, Teil von etwas zu sein, das sie längst verloren haben. Neben dem zu dünnen Mantel trug ich eine noch dünnere Meinung von mir selbst und einen Koffer, der aussah, als hätte er die Reise nur aus Mitleid überstanden. Die Straße zum Hotel führte durch eine Allee, in der die Bäume aussahen, als hätten sie beschlossen, den Herbst nicht mitzuspielen und direkt in den Winterschlaf zu fallen. Hindurch zwischen alten Badeort-Villen, die mich allesamt an Bilder ehemaliger Bademodels erinnerten, die mittlerweile entweder alt oder tot sind, traf ich auf

Menschen, die aussahen wie Komparsen eines Filmes, denen niemand gesagt hat, dass der Film längst abgedreht und die Goldene Himbeere bekommen hatte. Ich konnte das Meer riechen, aber nicht sehen – eine Metapher, die mir gefiel und die ich mir sofort notierte. (Ich notiere alles, was nach Bedeutung riecht. Später entscheide ich, ob sie es auch hat.)

Das Hotel Meersinn lag wie eine zu groß geratene Fußnote zwischen der wilhelminischen Pracht und der maritimen Belanglosigkeit. Seine Fassade war weiß gestrichen, aber längst nicht mehr glänzend. Die alten Holzbohlen, die unbedachterweise als Dekorelement angebracht worden waren, hatten den Kampf mit der Natur zu Zeiten verloren. Einzig die Fahne des Hotels flatterte im Wind, als wolle sie gute Laune vortäuschen. Ich stand davor und fragte mich, wie viele Existenzen wohl hinter diesen Wänden leise scheiterten, während sie am Frühstücksbuffet verzweifelt lachend um das dänische Plundergebäck stritten. Drinnen roch es nach Putzmittel, Pfefferminztee und muffiger Hoffnung. Eine junge Frau hinter der Rezeption hob den Blick, sah mich an, als wüsste sie etwas, das ich nicht wusste, und lächelte. „Willkommen zurück, Herr Malveaux.“

Ich erstarrte kurz. „Zurück?“, fragte ich, als hätte sie mich gerade eines Verbrechens bezichtigt.

„Zimmer 331, wie immer.“ Sie lächelte wieder. Es war das Lächeln einer Frau, die Dinge sagt, die sie selbst nicht versteht, aber instinktiv weiß, dass sie Wirkung haben.

„331“, wiederholte ich, „das ist eine Zahl, hoch genug für einen Blick aufs Meer – oder auf das Dach vom EDEKA.“

Sie neigte den Kopf. „Im Herbst sehen Sie das Meer. Ein bisschen.“

„Danke. Ich bevorzuge Andeutungen“, sagte ich. „Sie lassen mehr Raum für Enttäuschungen.“

Sie lachte, ohne genau zu wissen worüber. Oder vielleicht war genau das Gegenteil die Wahrheit. „Darf ich Ihren Ausweis sehen?“, fragte sie, zog eine Karteikarte hervor, auf der mein Name bereits stand – in einer Handschrift, die aussah, als habe jemand versucht, ordentlich zu lügen.

„Interessant“, sagte ich. „Sie haben meine Daten schon, bevor ich sie gebe.“

„Wir sind gut vorbereitet“, sagte sie. „Datenschutz steht bei uns an zweiter Stelle.“

„Nach Freundlichkeit?“

„Nach Frühstück.“

Der Hoteldirektor, Hans-Peter Lange, tauchte auf, als hätte ihn das Wort Enttäuschung persönlich beschworen. Ein Mann Mitte fünfzig, dessen Körperbau zwischen Gastronomie und Gutmütigkeit pendelte. Er trug ein zu enges Sakko, war gekleidet, wie Menschen es in den späten 20ern als hip empfunden haben mochten – und heute leider wieder tun – und hatte die Miene eines Menschen, der seit Jahren darauf wartet, dass endlich einmal jemand sein Frühstück lobt. „Herr Malveaux!“ – er betonte das „eaux“, als wäre es ein medizinischer Befund. „Wie schön, Sie wiederzusehen!“

„Ich war noch nie hier“, entgegnete ich.

Er lachte herzlich. „So sagen das alle beim ersten Mal.“

Ich überlegte, ob das ein Kompliment war, und beschloss, es nicht zu analysieren. „Wie war Ihre Anreise? Brauchen Sie Hilfe beim Gepäck? Oder lieber erstmal Champagner?“

„Danke, ich trinke nichts, was ursprünglich oder abgeleitet aus Frankreich kommt. Aber kippen Sie gerne ein Glas auf meine Kosten in die Toilette.“

Unsicher lachend redete Lange weiter wie ein Mensch, der nichts als Zeit hat – über das Wetter, die Saison, die Touristen, die nicht kommen, und die, die nie wieder gehen. Ich nickte höflich, als würde ich zuhören, und notierte geistig: Freundlichkeit ist die höflichste Form der Distanz. „Wir haben übrigens ein neues Konzept im Café Mira“, fuhr er fort. „Hausgemachte Torten, ein Literaturtisch – man kann Bücher tauschen – und jeden Mittwochabend: Offenes Mikrofon für Meereslyrik.“

„Meereslyrik“, sagte ich leise, eher zu mir als zu ihm. „Eine humane Form von Folter.“ – „Es ist sehr beliebt.“ – „Folter ist historisch selten unpopulär.“

Lange lächelte, als hätte er verstanden, und hoffte sichtbar, dass er es nicht hatte. „Kurtaxe?“, fragte Inga und legte mir einen Zettel hin. Daneben ein Kugelschreiber mit Kette – falls jemand auf die Idee käme, ihn zu befreien. Ich unterschrieb. Die Unterschrift sah aus wie der Schatten eines Verbrechens.

„Hier ist Ihre Schlüsselkarte“, sagte Inga. „Und, ach ja, ein kleiner Hinweis: Der Aufzug hat Charakter.“ – „Inwiefern?“ – „Er denkt gern nach, bevor er fährt.“

„Das machen wir alle“, sagte ich. „Die meisten fahren dann trotzdem falsch.“

„Eine letzte Frage, Herr Malveaux“, mischte sich Lange wieder ein. „Möchten Sie für morgen einen Platz im Café Mira reservieren? Fensterseite?“ – „Gibt es dort Fenster?“

„Viele.“ – „Dann lieber nicht. Ich mag die Illusion von Nähe, nicht die Nähe selbst.“

Er lachte wieder. Ich bezweifle, dass wir uns über dasselbe amüsierten.

Zimmer 331 lag am Anfang eines schmalen Flurs, der nach Staub und Geschichten roch, direkt gegenüber vom Aufzug. Der Teppich im Flur war mit einem Muster aus kleinen Ankern überzogen – ein dekorativer Hinweis darauf, dass man auch in der Bewegung feststecken kann. Jemand hatte versucht, die Stille mit Musik zu vertreiben: leises, generisches Klavier, das aus einer unsichtbaren Decke tropfte. Das Zimmer selbst war überraschend groß, überraschend leer und erstaunlich bemüht, charmant zu sein. Ein Schreibtisch am Fenster, dessen Platte eine kaum sichtbare Welle hatte, als hätte jemand hier zu oft den Ellbogen zu schwer aufgestützt. Ein Bett, das aussah, als habe es schon viele erfolglose Nächte erlebt; die Matratze erwartungsfroh, die Kissen übermotiviert. An der Wand hing ein gerahmtes Foto der Seebrücke – leicht schief. Das Bild zeigte Sommer, das Zimmer Herbst. Daneben eine Stehlampe, deren Fuß wackelte wie ein Alibi. Der Balkon bot den Blick auf das, was die Rezeptionistin „ein bisschen Meer“ genannt hatte. Sie hatte recht. Zwischen den Dächern des alten Kurhauses

und einem übereifrigen Ahorn sah ich tatsächlich ein Stück Wasser – blass, unbeteiligt, fast beleidigt, dass man es anschaute. Mehr Einblick gewährte der Außenpool des Kurhauses. Die Damen, die darin schwammen, ähnelten sehr den großen, geparkten SUVs der reichen Hotelgäste, die direkt auf dem an den Pool angrenzenden Parkplatz standen. Das Wasser schwappte schwallartig über die Umrandung, und die Blumen und Sträucher am Rand des Pools ächzten unter der nassen Last.

Ich musterte den Rest: eine Minibar, deren Summen die Tonlage von schlechtem Gewissen hatte. Ein Wasserkocher mit hartnäckigem Kalkrand, daneben Teebeutel in den Geschmacksrichtungen Schwarz, Schwarz, aber entmutigt und Kräuter, die aussahen, als seien sie aus den Resten der Zimmerpflanzen zusammengestellt. Zwei Tassen, deren Henkel sich nur unter Protest halten ließen. Ein Notizblock mit dem Logo des Hotels; der Kugelschreiber dazu schrieb erst nach zwei demütigenden Strichen. Die Gardinen trugen ein Muster aus Möwen, die aussahen, als hätten sie heimlich Flugangst. Auf dem Teppich ein fleckiger Archipel, kartografisch interessant, hygienisch zweifelhaft. Die Steckdosen waren locker, als wären sie im Begriff, ihre Arbeit aufzugeben. Neben der Heizung ein kleiner Riss im Putz, ein Blitz in langsam. Im Bad: weiße Fliesen, die schon lange nicht mehr wussten, was Weiß bedeutet. Der Spiegel verzog das Gesicht, das es wagte hineinzuschauen, leicht nach links. Lieber so als andersherum, dachte ich. Eine Duschkabine, deren Schiebetür die Geräusche eines alten Safes oder eines schließenden Sarges machte; wer sie schloss, verpflichtete sich zu

Kompromissen. Auf dem Waschbecken eine höfliche Seife, die nach Zitrone und Verpflichtung roch. Eine freundliche Karte: „Willkommen im Meersinn, Herr Maleaux.“ Ich korrigierte das fehlende „v“ mit dem Fingernagel und fühlte mich gerecht.

Ich stellte meinen Koffer ab, setzte mich ans Fenster und trank einen Schluck aus meiner Teeflasche. Lauwarm, bitter – perfekt. Ich trinke Tee, weil Kaffee mir zu hektisch ist. Tee zwingt einen zum Warten. Kaffee macht Versprechen, die er nicht halten kann. Draußen wehte der Wind über die Dächer, und ich fühlte mich, als wäre ich in eine Fußnote meiner eigenen Biografie gereist. Ich war hier, um zu schreiben. Oder, genauer gesagt, um nicht zu schreiben. Der Unterschied ist subtil, aber entscheidend. Schreiben bedeutet Verantwortung. Nicht zu schreiben ist Freiheit, getarnt als kreative Krise.

Ich sah auf die Uhr. Es war halb fünf. Zu spät für Motivation, zu früh für Selbstmitleid. Ich beschloss, mich gesellschaftlich zu integrieren, was in diesem Fall bedeutete: Kuchen.

Zimmer 331 – der Teppich riecht nach Literaturpreis

Der Aufzug tat sein Möglichstes, mich nicht ernst zu nehmen. Er seufzte, zitterte, beschleunigte widerwillig und öffnete sich schließlich mit dem Geräusch einer resignierten Blechdose. Ich trat hinaus und dann ins Haupthaus – Lobby, Holzgeruch, Stimmen, das diffuse Summen von Besteck aus dem angrenzenden Café Mira. Der Nachmittag war ins Abendgrau gekippt. Zwischen Fassade und Meer spannte sich eine Windfahne, die jede Richtung ausprobierte, aber keine fand. Ich trat ins Café, weil Kuchen seltener enttäuscht als Menschen. Das Café Mira war ein Raum, in dem Zeit stillstand – nicht aus Würde, sondern aus Erschöpfung. Die Möbel: dunkel gebeizt, leicht klebrig; die Lampen: müde gelb. Es roch nach Vanille, Staub und unvollendeten Gesprächen. Eine ältere Dame schlief mit offenem Buch am Fenster, zwei Männer spielten Schach mit der Verzweiflung von Menschen, die nur verlieren können, wenn sie endlich gewinnen. Irgendwo stritten zwei Damen leise über den richtigen Garpunkt

von Dorsch und die beste Kartoffelsorte für den Mittagstisch. „Guten Abend, Herr Malveaux.“

Inga Linde stand hinter der Theke, die Haare zu streng, das Lächeln zu beiläufig. „Sie schon wieder“, sagte ich.

„Ich arbeite hier.“

„Das ist eine unkluge Form der Anwesenheit.“

Sie blinzelte, ohne zu entscheiden, ob das ein Kompliment sein sollte. „Schön, dass Sie uns Gesellschaft leisten.“

„Ich wollte prüfen, ob die Realität anhält.“

„Und, tut sie es?“

„Nur unter Protest, denke ich.“

Ich setzte mich an den Rand, an einen Tisch mit Blick auf den Ausgang – eine Angewohnheit, die ich mir nie abgewöhnt hatte. Von dort aus konnte ich beobachten, wer kam, wer ging und wer beides gleichzeitig versuchte. Der Wind rüttelte an der Scheibe, als wolle er hinein, um sich zu beschweren, dass er reingekommen war. „Tee?“

„Grün. Aber bitte so, dass er an schlechte Entscheidungen erinnert.“

„Das können wir!“

Sie kicherte leise, verschwand in Richtung Küche und ich sah ihr nach. Ihre Schritte klangen sachlich, fast leise entschlossen. Eine dieser Bewegungen, die Ordnung in die Unordnung bringen, ohne sie zu verbessern. Ich nahm den Stift aus der Brusttasche, schlug mein Notizbuch auf und schrieb:

Die Menschen hier reden wenig. Das Meer ersetzt die Dialoge. Jeder Wellenzug ein Satzzeichen, das niemand liest.

Dein Buch wird gesetzt …

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